Der Vorgang
Der Focus berichtet am 1. Oktober 2026 über den Auftritt von Hape Kerkeling vor dem Justizausschuss des Thüringer Landtags. Es ging um ein AfD-Verbotsverfahren. Kerkeling rechtfertigte ein Verbotsverfahren, indem er die AfD mit der NSDAP auf eine Ebene stellte: „Angst, Lügen und Hass waren die Zutaten der nationalsozialistischen Ideologie und sie sind es heute für die Marschrichtung dieser rechtsextremen Partei.“
Kerkeling sagte im Hinblick auf den Wahlkampf des sachsen-anhaltinischen AfD-Spitzenkandidaten Siegmund, wer mit dem Slogan „Alles ist möglich“ antrete, der mache eben auch „Buchenwald“ möglich. Kerkeling sagte, wer die NS-Verbrechen relativiere, verharmlose oder bagatellisiere, verlasse den Boden des Grundgesetzes.
Der Focus kritisiert Kerkeling scharf: Er argumentiere nicht auf der Höhe der Forschung. Er ziehe, wie viele Linke, eine Linie vom Aufstieg der Nazis zum Aufstieg der AfD. Allerdings halte sein Bild über die Nazis der historischen Forschung nicht stand. Angst, Lügen und Hass seien zweifellos Stilmittel der NSDAP gewesen. Aber sie seien für den Aufstieg der Partei zu einer in Wahlen erfolgreichen Partei nicht entscheidend gewesen. Entscheidend sei ein soziales Aufstiegsversprechen für Millionen Menschen gewesen, die einen sozialen Abstieg befürchteten und glaubten, in ihrem Leben nicht voranzukommen. Weil Juden ihnen angeblich den Aufstieg versperrten.
Der Focus zitiert den Historiker Götz Aly: Die Nazis seien eine Sammlungsbewegung über alle Partei- und Standesgrenzen hinweg gewesen. Die Nazis seien rechte Antikapitalisten gewesen. Der Antisemit neige zu gedämpftem Antikapitalismus, weil er im liberalen Kapitalismus eine Ursache sah für die „unerträgliche soziale Mobilität der jüdischen Minderheit“.
Der Focus kritisiert weiter: Kerkeling tue genau das selbst, wovor er bei der AfD warne – er bagatellisiere die Nazis. „Einer verbrecherischen Bande ist Deutschland damals aufgesessen“, sagte er im thüringischen Landtag. Und: „Dieses Land Thüringen“ habe doch einst selbst erfahren, wie sich eine Demokratie selbst abschaffen könne, „wenn genügend Menschen wegschauen“.
Der Focus hält dagegen: Die Nazis konnten nicht die Macht 1933 „ergreifen“, weil die Deutschen ihnen damals „aufgesessen“ sind, oder weil sie „wegschauten“, ganz im Gegenteil: Weil die Nazis ihnen ein in den Augen vieler attraktives, optimistisches Versprechen für eine persönlich sozial gesicherte Zukunft in einem von ihnen zur „arischen Volksgemeinschaft“ geeinten Land ohne Standesdünkel gaben. Es war ein Erlösungsversprechen, dem sehr viele Menschen überzeugt folgten – nicht als passive Opfer, sondern als aktive Täter.
Der Focus kritisiert weiter: Kerkeling inszeniere sich als Nazi-Betroffener – und begründe das mit der Erfahrung seines kommunistischen Großvaters, der ein Nazi-Opfer war. Nun berichtete die „Münsterland“-Zeitung über neue historische Funde zu Kerkelings Großvater. Dokumente belegten dessen „Straftaten, Vorstrafen und eine Verurteilung wegen Bandendiebstahls“. Kerkelings Opa war ein Nazi-Opfer – aber er hatte wohl auch eine Seite, zu der Kerkeling bis heute nichts sagt.
Der Focus stellt klar: Der Landtag von Thüringen darf keinen Antrag auf AfD-Verbot stellen. Er ist nicht zuständig. Zuständig wäre nur die Landesregierung, weil sie die Vertretung Thüringens im Bundesrat ist. Ein AfD-Verbot ist eine verfassungsjuristische Angelegenheit. Kerkeling sagte zutreffend, er sei kein Verfassungsjurist. In welcher Eigenschaft also war Kerkeling von der Linkspartei eingeladen – wohl kaum als respektierter Schauspieler und beliebter Komiker. Wohl eher als, aus Sicht der Linken, verlässlicher Moralist mit gesellschaftlicher Breitenwirkung. Es handelte sich also um einen PR-Stunt.
Der Dialogpartner stellt die Frage: Kerkeling, einer der macht was er soll ohne zu wissen, was er tut?
Diese Frage ist zutreffend und vernichtend. Sie benennt die Fremdsteuerung. Sie benennt die Ahnungslosigkeit. Sie benennt den Täter. Weiterlesen →