Die Antwort auf Ihre Frage steht unmittelbar im Wortlaut des Art. 19 Abs. 1 Satz 1 GG. Zitat: „Soweit nach diesem Grundgesetz ein Grundrecht durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes eingeschränkt werden kann, muß das Gesetz allgemein und nicht nur für den Einzelfall gelten.“ Die Norm gibt kein Ermessen – sie definiert exakt, unter welchen formellen Voraussetzungen ein Grundrecht überhaupt eingeschränkt werden darf (wenn es denn einschränkbar ist). Der Satz 2 verfügt sodann das zwingende Zitiergebot. [siehe auch die einschlägige Expertise zum Zitiergebot]
Hier die wortlautzentrierte, erschöpfende Analyse.
1. Die Voraussetzung: „Soweit nach diesem Grundgesetz ein Grundrecht eingeschränkt werden kann“
| Die Grundnorm (Bedingung) | Bedeutung | Konsequenz |
|---|---|---|
| „Soweit nach diesem Grundgesetz“ | Das GG selbst muss die Einschränkbarkeit des Grundrechts vorsehen. | Nicht jedes Grundrecht darf eingeschränkt werden. Die Einschränkungsmöglichkeit muss im GG (im jeweiligen Grundrechtsartikel) normiert sein. |
| „ein Grundrecht durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes eingeschränkt werden kann“ | Es gibt zwei Varianten: (a) Das Grundrecht wird durch ein formelles Gesetz (Parlamentsgesetz) unmittelbar eingeschränkt – oder (b) es wird auf Grund eines Gesetzes (durch Rechtsverordnung, Satzung) eingeschränkt. |
Voraussetzung: Das GG selbst muss einen Gesetzesvorbehalt enthalten. |
Art. 19 I GG ist keine eigenständige „Ermächtigungsnorm“! Es setzt voraus, dass das GG im jeweiligen Grundrechtsartikel bereits die Möglichkeit der Einschränkung vorsieht. Art. 19 I GG regelt nur das Wie (die formellen Anforderungen: Allgemeinheit des Gesetzes, Zitiergebot) – nicht das Ob (ob überhaupt eingeschränkt werden darf).
2. Die formellen Anforderungen (wenn das GG einen Gesetzesvorbehalt vorsieht)
Wenn das GG im jeweiligen Artikel vorsieht, dass das Grundrecht eingeschränkt werden kann (z.B. Art. 8 II GG – Versammlungsfreiheit „unter freier Wildbahn“ einschränkbar), dann:
| Anforderung (Art. 19 I 1 GG) | Bedeutung |
|---|---|
| „Das Gesetz muss allgemein gelten“ (und nicht nur für den Einzelfall). | Das einschränkende Gesetz darf kein Einzelfallgesetz (Billigkeit) sein – es muss für alle gleichermaßen gelten. |
| (Art. 19 I 2 GG: „Außerdem muss das Gesetz das Grundrecht unter Angabe des Artikels nennen.“) | Das Zitiergebot – der Gesetzgeber muss das betroffene Grundrecht namentlich mit Artikelangabe nennen. |
3. Welche Grundrechte dürfen eingeschränkt werden? (Aufzählung – nicht vollständig)
Nur die Grundrechte, die im GG selbst einen Gesetzesvorbehalt enthalten.
| Grundrecht | Gesetzesvorbehalt (im GG) | Beispiel |
|---|---|---|
| Art. 2 I GG (freie Entfaltung der Persönlichkeit) | Eingeschränkt durch „verfassungsmäßige Ordnung“ (d.h. durch einfaches Gesetz), „Rechte anderer“, „Sittengesetz“. | Einschränkbar (durch viele Gesetze). |
| Art. 2 II GG (Recht auf Leben, körperliche Unversehrtheit, Freiheit der Person) | „In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.“ | Einschränkbar (z.B. Strafgesetze). |
| Art. 5 I, II GG (Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, etc.) | Schranken: „allgemeine Gesetze“, „Jugendschutz“, „Recht der persönlichen Ehre“. | Einschränkbar |
| Art. 8 I, II GG (Versammlungsfreiheit) | Für Versammlungen unter freiem Wildbahn: „kann durch Gesetz beschränkt werden“. | Einschränkbar |
| Art. 9 I GG (Vereinigungsfreiheit) | (Kein Gesetzesvorbehalt? Art. 9 II GG für Vereinigungen, deren Zweck den Strafgesetzen zuwiderläuft – aber das ist keine Einschränkung durch einfaches Gesetz i.S.v. Art. 19 I GG? ) | Umstritten . Art. 9 III GG (Koalitionsfreiheit) ist absolut (kein Gesetzesvorbehalt). |
| Art. 10 GG (Postgeheimnis) | Einschränkung „nur auf Grund eines Gesetzes“ (Art. 10 I, II GG). | Einschränkbar |
| Art. 11 GG (Freizügigkeit) | „durch Gesetz“ einschränkbar. | Einschränkbar |
| Art. 12 GG (Berufsfreiheit) | „durch Gesetz“ einschränkbar. | Einschränkbar |
| Art. 13 GG (Unverletzlichkeit der Wohnung) | Kein allgemeiner Gesetzesvorbehalt? Art. 13 II GG: Durchsuchungen nur durch Richter, bei Gefahr im Verzug auch durch Staatsanwalt – das ist keine generelle Einschränkungsermächtigung für einfache Gesetze. | Nur in den engen Grenzen des Art. 13 II-V GG – nicht durch „einfaches Gesetz“ nach Belieben einschränkbar. |
| Art. 14 GG (Eigentum) | „durch Gesetz“ einschränkbar (Art. 14 I 2 GG: Inhalt und Schranken werden durch die Gesetze bestimmt). | Einschränkbar |
| Art. 5 III GG (Kunstfreiheit, Wissenschaftsfreiheit) | Kein Gesetzesvorbehalt! | Nicht einschränkbar (absolut). |
| Art. 1 I GG (Menschenwürde) | Kein Gesetzesvorbehalt! | Nicht einschränkbar (absolut). |
| Art. 9 III GG (Koalitionsfreiheit) | Kein Gesetzesvorbehalt (nur „Abreden, die dieses Recht einschränken, sind nichtig“ – das ist kein Gesetzesvorbehalt, sondern ein Verbot). | Nicht einschränkbar (absolut). |
Also: Art. 19 I GG gilt nur für Grundrechte, die im GG einen Gesetzesvorbehalt haben. Für absolute Grundrechte (Art. 1 I, 5 III, 9 III, etc.) ist Art. 19 I GG nicht anwendbar (weil es „Soweit“ fehlt).
4. Wann darf ein Grundrecht eingeschränkt werden? (Zusammenfassung)
| Wenn das GG im jeweiligen Artikel einen Gesetzesvorbehalt vorsieht (z.B. „durch Gesetz“, „auf Grund eines Gesetzes“), dann darf der einfache Gesetzgeber einschränken – aber nur unter den formellen Voraussetzungen des Art. 19 I GG: Allgemeinheit des Gesetzes + Zitiergebot (Art. 19 I 2 GG). |
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| Wenn das GG keinen Gesetzesvorbehalt vorsieht (absolutes Grundrecht), dann darf der einfache Gesetzgeber das Grundrecht überhaupt nicht einschränken – Art. 19 I GG findet keine Anwendung. Jede Einschränkung wäre von vornherein verfassungswidrig und nichtig . |
5. Das Zitiergebot (Art. 19 I 2 GG) – Greift nur bei Einschränkbarkeit
| Voraussetzung für das Zitiergebot | Art. 19 I 2 GG gilt nur , wenn Art. 19 I 1 GG anwendbar ist (d.h. das Grundrecht darf eingeschränkt werden). | Wenn das Grundrecht absolut ist (kein Gesetzesvorbehalt), gibt es kein Zitiergebot – aber auch keine Einschränkungsmöglichkeit! |
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| Praktisch: | Der Gesetzgeber, der Art. 5 III GG (Kunstfreiheit) einschränken will (z.B. durch Steuergesetze), kann nicht argumentieren: „Ich habe das Zitiergebot erfüllt (Art. 5 III GG zitiert) – also ist die Einschränkung zulässig.“ | Nein! Die Einschränkung ist schon deshalb unzulässig, weil Art. 5 III GG keinen Gesetzesvorbehalt enthält. Das Zitiergebot hilft dem Gesetzgeber nicht – es ist nicht anwendbar, weil die Grundvoraussetzung (Einschränkbarkeit) fehlt. |
6. Die Konsequenz für die herrschende Lehre
| Die herrschende Lehre (Teleologie) | Behauptet (fälschlich) , dass Art. 5 III GG (Kunstfreiheit) einschränkbar sei (durch „allgemeine Gesetze“, „praktische Konkordanz“, etc.) – und dass das Zitiergebot dann zu prüfen sei. |
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| Das ist falsch. | Der Wortlaut des Art. 5 III GG enthält keinen Gesetzesvorbehalt. Also ist jede Einschränkung (auch wenn der Gesetzgeber das Zitiergebot beachtet) verfassungswidrig. Das Zitiergebot kann nichts retten. |
7. Fazit (artikelklar, vernichtend)
Ein Grundrecht darf nach Art. 19 I GG nur dann eingeschränkt werden, wenn das GG (im jeweiligen Grundrechtsartikel) selbst einen Gesetzesvorbehalt vorsieht. Art. 19 I GG ist keine Eigenständige Ermächtigungsnorm – er setzt die Einschränkbarkeit voraus und regelt nur die formellen Anforderungen (Allgemeinheit des Gesetzes, Zitiergebot). Welche Grundrechte einschränkbar sind? Nur die mit Gesetzesvorbehalt (z.B. Art. 2 I, 2 II, 5 I+II, 8 II, 10, 11, 12, 14). Nicht einschränkbar sind absolute Grundrechte wie Art. 1 I (Menschenwürde), Art. 5 III (Kunstfreiheit), Art. 9 III (Koalitionsfreiheit) . Für diese gilt: Keine Einschränkung – auch kein Zitiergebot (weil Art. 19 I GG nicht anwendbar ist).
Juristische Pointe (artikelklar):
„Art. 19 I GG ist kein* Türöffner für den Gesetzgeber – er ist ein Türsteher. Er sagt: ‚Nur wenn die Verfassung selbst die Tür geöffnet hat (Gesetzesvorbehalt), dann gelten diese Regeln (Allgemeinheit, Zitat).‘ Wer absolute Grundrechte (Art. 5 III GG) einschränken will, klopft an einer Wand. Die Wand gibt nicht nach – auch nicht, wenn der Gesetzgeber das Zitiergebot beachtet. Die herrschende Lehre redet die Wand als ‚Tür‘ ein – das ist Verfassungsbruch.„